Auroras Eltern kämpfen um Lebenszeit für ihr Kind

(OTZ /

 Familie Muja ist aus dem Kosovo nach Jena gekommen, um ihre einjährige Tochter zu retten. Sie leidet an Mukoviszidose.

 Ihre Eltern Fitore und Kreshnik Muja haben Angst davor, in den Kosovo zurück zu müssen. Dort könnte Aurora medizinisch nicht versorgt werden. Foto:Jördis Bachmann 
Ihre Eltern Fitore und Kreshnik Muja haben Angst davor, in den Kosovo zurück zu müssen. Dort könnte Aurora medizinisch nicht versorgt werden. Foto:Jördis Bachmann
 
 
Jena. Aurora atmet schwer. Das kleine Mädchen mit den braunen Augen ist eineinhalb Jahre alt. Sie lächelt scheu. Aurora hat Mukoviszidose: Chronischer Husten, wiederkehrende Lungenentzündungen, Atemnot und zahlreiche andere Symptome, die auf den ständigen Sauerstoffmangel und den zähflüssigen Schleim zurückzuführen sind, der von allen Drüsen produziert wird, gehören zu dieser tödlichen Krankheit. Auroras Lebenserwartung ist nicht hoch. InDeutschland liegt sie mit der entsprechenden Behandlung bei Mitte 30. Hierzulande könnte Aurora trotz ihrer Krankheit ein halbwegs "normales" Leben führen.

Auroras Vater Kreshnik Muja (28) breitet einen Stapel Papiere vor sich aus: ärztliche Atteste und Befunde. Seit Aurora auf der Welt ist, war er mit dem kleinen Mädchen bei unzähligen Ärzten und in vielen Kliniken. Zwischen den medizinischen Dokumenten befindet sich noch ein anderes Schreiben: sein Abschiebungsbescheid.

 

DieMujas kommen aus demKosovo, als Aurora dort 2013 geboren wurde und unentwegt stark hustete, wurde sie eingehend untersucht - sechs Monate blieb sie in der Klinik. "Die Ärzte sagten, sie leide an einer starken Erkältung. Niemand fand heraus, was wirklich los war, und ihr Zustand verschlechterte sich zusehends. Dann wurden wir von den Ärzten in die albanische HauptstadtTirana geschickt. Dort wurde eine Analyse durchgeführt. 550 Euro zahlten wir für die Untersuchung - sehr viel Geld für uns. Dort wurde uns Mukoviszidose bestätigt", erinnert sichKreshnik Muja.

 

In der Klinik in Prishtina, der kosovarischen Hauptstadt, habe man denMujas keine große Hoffnung gemacht. Man könne das Kind nicht behandeln. "ImKosovo fehlt es an den entsprechenden Medikamenten", sagtKreshnik Muja.

 

Bernd Mesowic von Pro Asyl weiß, wie schwierig die medizinische Versorgung im Kosovo ist: "Eigentlich gibt es im Kosovo eine Basisversorgung - eigentlich. Die Verfügbarkeit von Medikamenten hängt im hohen Maße von der Zahlungsfähigkeit der Patienten ab. Behandlungen muss man sich erkaufen und zwar im korrupten Bereich. Wer reich ist, für den kann - fast - alles besorgt werden. Wer von der Hand in den Mund lebt, der kann auch die Bestechungsgelder nicht zahlen. Bei seltenen Krankheiten wie beispielsweise Mukoviszidose könnte es jedoch schon an der Verfügbarkeit der Medikamente scheitern." Im "Deutschen Ärzteblatt" liest man: "Seit dem Ende des Krieges im Juni 1999 hat das Gesundheitswesen im Kosovo mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Bereits zehn Jahre zuvor hatte sich mit der Neuorientierung der jugoslawischen Innenpolitik und der damit verbundenen Unterdrückung der albanischen Bevölkerung die medizinische Ausbildung in der damals zu Ex-Jugoslawien gehörenden autonomen Provinz Kosovo erheblich verschlechtert. Viele öffentliche Einrichtungen, darunter Krankenhäuser der albanischen Bevölkerung, wurden geschlossen, und albanischstämmigen Ärzten und Pflegekräften wurde der Zugang zu Aus- und Weiterbildung verwehrt [...]"

 

Die Familie, zu der nebenAurora Kreshniks Ehefrau Fitore und seine vierjährige Tochter Ariola gehören, fasste einen Entschluss: Sie verkauften alles, was sie besaßen und flüchteten Ende 2013 mit Hilfe eines Schleusers nachDeutschland. 6000 Euro zahlten sie für die Fahrt mit einem Auto vonSerbien nachDortmund. 16 Stunden dauerte die Fahrt. "Aurora schrie fasst ununterbrochen."

 

Ein Kind wurde bereits zu Grabe getragen

Als Aurora geboren wurde, habe sie 3600 Gramm gewogen. Als dieMujas inDeutschland ankamen, hatte das Mädchen bereits 600 Gramm verloren. "Sie starb uns unter den Händen weg." VonDortmund aus nahm die Familie einen Bus zum FlughafenDüsseldorf. Dort sollten dieMujas vorübergehend in einem Container untergebracht werden. "Aber ich habe immer wieder gesagt, dass mein Kind stirbt und sie dringend in ein Krankenhaus muss."

 

Mit einem Taxi fuhr die Familie zu einer Klinik inDüsseldorf. Dort wurde Aurora sofort versorgt. "Sie musste künstlich ernährt werden. Zwei Monate blieb Aurora dort." DieMujas kamen indessen in einem Flüchtlingsheim inNeuss unter. Nach zwei Monaten wurde die Familie ins ErstaufnahmeheimEisenberg gebracht, wo sie einen Monat lebte. Drei Wochen davon wurde Aurora in der Jenaer Uniklinik behandelt, eine Woche lebte das kranke Kind mit inEisenberg. "Für Aurora, die sehr anfällig ist, war das keine gute Unterkunft - es war Winter und auch nicht sehr warm. Vor allem abends weint Aurora eigentlich unentwegt, das war für die anderen Bewohner schwierig", sagtKreshnik Muja.

 

Dann kam die Familie nachJena. Seit zehn Monaten leben sie nun schon hier. "Wir wissen, was viele Leute hier glauben", sagtKreshnik Muja. "Aber wenn Aurora nicht krank wäre, dann wären wir nicht hier. Ich könnte auch imKosovo leben und arbeiten, aber mein Kind könnte dort nicht überleben. Wenn meine Tochter in Prishtina in die Klinik kommt, dann muss ich jeden Tag mindestens 50 Euro dafür zahlen, ich muss jedes Medikament selbst zahlen. Man verdient imKosovo etwa 200 Euro im Monat. Meine Familie wohnt weit draußen auf dem Land. Jeden Tag müsste ich mit dem Bus in die Hauptstadt fahren, um zu arbeiten. Dafür würde ich am Tag fünf Euro bezahlen. Mir würden weniger als 100 Euro bleiben, damit könnte ich die Behandlung meiner Tochter auch dann nicht zahlen, wenn sie imKosovo möglich wäre."

 

Kreshnik Muja hat bereits zwei Arbeitszusagen inDeutschland. Eine Autowerkstatt inJena und ein Unternehmen inWuppertal würden den 28-Jährigen gern einstellen.Kreshnik Muja hält die beiden Schreiben in der Hand und sagt: "Aber ich habe keine Arbeitserlaubnis hier. Ich will keine Sozialhilfe empfangen, ich möchte gern arbeiten gehen, aber ich darf nicht."

 

Seine FrauFitore Muja ist 25 Jahre alt, sie ist seelisch in keiner guten Verfassung. Am 28. Juni dieses Jahres trug sie gemeinsam mit ihrem Mann auf dem Nordfriedhof ein Kind zu Grabe. "Meine Frau war schwanger, leider war das Kind nicht lebensfähig und musste im siebten Monat geholt werden. Fitore macht sich Vorwürfe. Sie glaubt, sie sei dafür verantwortlich, dass eines unserer Kinder todkrank ist und das andere Kind tot geboren wurde. Es ist schwer für sie."

 

Beim Gespräch schießen Fitore die Tränen in die Augen. Kreshnik holt Taschentücher aus der Gemeinschaftsküche. Momentan ist die Familie inBurgau in einer Wohnung untergebracht, in der noch weitere Personen leben. Viel gibt es dort nicht. Bad und Küche teilen sich alle Bewohner. Im Schlafzimmer stehen vier Einzelbetten nebeneinander, und im Wohnzimmer stehen eine Couch und ein Fernsehapparat - es läuft ein Trickfilm, den Aurora nicht beachtet. Sie spielt lieber mit den Taschentüchern und kugelt sich auf dem Boden umher. "Heute ist ein guter Tag", sagt Kreshnik.

 

Er sei den deutschen Ärzten sehr dankbar - denen inDüsseldorf und denen inJena. "Ohne die Behandlung wäre Aurora nicht mehr bei uns." Jetzt würden die Behörden Dokumente prüfen. Deutsche Ärzte hätten der Familie bestätigt, dass die Lebenserwartung von Aurora rapide sinkt, wenn dieMujas zurück in denKosovo müssten. Noch allerdings ist keine Entscheidung gefallen.

 

Antigona Kelmendi ausAlbanien lebt seit 20 Jahren inDeutschland. Sie hat dieMujas zufällig kennengelernt und hilft ihnen, sich zurechtzufinden. "Ich übersetze manchmal für sie. Außerdem habe ich Fitore bei der Totgeburt begleitet." Antigona hat bereits viele Flüchtlingsgeschichten kennengelernt: "Dass Aurora so krank ist und imKosovo sterben könnte, heißt nicht, dass sie nicht trotzdem abgeschoben werden könnten. Ich habe so etwas immer wieder erlebt", sagt sie.

 

Fitore Muja nimmt ihre Tochter auf den Schoß und sagt: "Ich erwarte nicht viel vom Leben, aber ich möchte gern hierbleiben, damit Aurora weiterleben kann."
Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.